Anders als Abstinenz ist Asexualität keine Entscheidung, sondern eine sexuelle Orientierung. In einer sexualisierten Gesellschaft werden asexuelle Menschen oft marginalisiert. Der Verein AVEN, ein Unterstützungsnetzwerk für asexuelle Menschen, setzt sich dafür ein, die gesellschaftliche Wahrnehmung zu verändern und asexuelle Menschen als Individuen anzuerkennen, die weder den Wunsch noch das Bedürfnis nach sexueller Interaktion haben.
Wie Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität ist Asexualität keine Entscheidung, sondern eine gelebte Erfahrung, die nicht mit Frustration verbunden ist. Sich nicht zu sexuellen Beziehungen hingezogen zu fühlen, ist eine andere Form von Sexualität, genau wie jede andere. Es ist eine andere Beziehung zum Körper, da körperlicher Kontakt für asexuelle Menschen in der Regel nicht anziehend ist. Das hindert sie aber nicht daran, Beziehungen zu führen! Manche haben sogar Sex mit ihren Partnern, um ihnen eine Freude zu machen. Kurz gesagt: Es gibt keinen Ekel vor dem sexuellen Akt, nur ein fehlendes Verlangen.
In ihrem investigativen Buch „No Sex“ bestätigt die promovierte Philosophin Peggy Sastre, wie schwer es für asexuelle Menschen ist, ihre Identität zu leben, ohne Angehörige oder die Gesellschaft zu verletzen.
„Es ist schwer, anderen klarzumachen, dass es kein Problem gibt, dass sie nicht leiden. Natürlich hat jeder zu Sex eine Meinung, die im Allgemeinen recht normativ ist. Ein Coming-out ist daher nicht einfach, denn viele Betroffene denken: ‚Bist du dir sicher? Vielleicht hast du noch nicht den Richtigen getroffen? Warte einfach ab, es wird schon klappen‘ usw. Besonders interessant fand ich, dass es dem Coming-out von Homosexuellen ähnelt.“
Die Parallele zur homosexuellen Community erstreckt sich sogar auf die Normen in der Psychiatrie. Die neue Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs Psychischer Störungen (DSM-5), herausgegeben von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung, der führenden amerikanischen und globalen Autorität auf dem Gebiet der Psychiatrie, zielt darauf ab, die Haltung gegenüber Asexualität zu ändern. Sie wird nun als Libidostörung, also als psychische Störung, beschrieben. Zur Erinnerung: Homosexualität galt bis 1973 als psychische Krankheit. Der Kampf asexueller Menschen um eine Veränderung der gesellschaftlichen Wahrnehmung steht möglicherweise erst am Anfang. Ihr Ziel unterscheidet sich jedoch von dem homosexueller Menschen. Sie fordern keine Anerkennung, sondern lediglich das Recht, ignoriert und unsichtbar zu werden.
Antoine PANAITE
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